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Pressespiegel

Pressespiegel | 20.06.2011 | 12:12

Grenzüberschreitende Bildungs- und Arbeitsmarktsysteme kennenlernen

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Ein Bericht der "PANORAMA-Studienreise ins Südtirol vom 17.-20. Mai 2011"

Ein volles Programm erwartete die Gruppe von 18 Fachpersonen aus der Schweiz und dem Fürstentum Liechtenstein, die sich auf der Reise von Basel nach Bozen, mit der Postauto-Fahrt über den Ofenpass, allmählich kennenlernten. Beim Mittagessen in Mals, der ersten grösseren Stadt im Südtirol nach dem Münstertal, war die ganze Gruppe komplett und traf die engagierte, kompetente und sympathische Amtsdirektorin der Ausbildungs- und Bildungsberatung aus Bozen, Dr. Rolanda Tschugguel.

Während des Essens und auf der Bahnfahrt im übervollen Zug nach Bozen erhielten wir einen ersten Einblick in die Geschichte und die Kultur des Südtirols vom Wanderführer Karl Perfler, dessen Wissen über das Tal und die Geschichte des Südtirols eindrücklich sind. Er berichtet über die Entstehung des Tals, die politische Entwicklung des Südtirols, die Zukunft mit der EU, seine philosophischen Überlegungen, die Rettung der Vinschgau-Bahn von Mals nach Meran, seine Vision der Grenzen der globalen Weltwirtschaft usw. Was er erzählt, lebt er selber vor. Er ist Selbstversorger, ohne Auto und Wohnung, der als Wanderführer arbeitet und pro Tag mindestens eine Beratung anbieten kann, mit Kunden aus den verschiedensten Bereichen.

Abwechslungsreich und intensiv
Die Organisatoren Karl Giezendanner und Verena Flubacher stellten ein sehr abwechslungsreiches Programm zusammen. Einerseits mit Vorträgen über die Schul- und Bildungssysteme in Südtirol, Italien, Österreich, Liechtenstein und Deutschland mit kompetenten und erfahrenen Referenten. Die Referate und Vorträge stehen unter http://www.panorama.ch/pdf/2011/9754dt.pdf bereit, deshalb sind in diesem Bericht primär die Eindrücke und Erlebnisse beschrieben. Andererseits gab es interessante Besichtigungen von Schulen und Institutionen in der Umgebung von Bozen und Meran, die in kleineren Gruppen erfolgten und bei denen die Teilnehmer/innen wählen konnten, was sie spezifisch interessierte.

Begleitet wurden die Gruppen von den Berufskollegen aus dem Südtirol, die an verschiedenen Standorten in der Berufs- Studien- und Laufbahnberatung in Berufsinformationszentren arbeiten und in deutscher und italienischer, manche auch in ladinischer Sprache beraten. Die verschiedenen Schulsysteme, Abschlüsse und Diplome sowie die Bedeutung der dualen Ausbildungen in den Ländern gaben zu vielen Diskussionen Anlass.

Das Südtirol ist eine autonome Provinz Italiens mit den drei Sprachen Deutsch, Italienisch und Ladinisch. Ladinisch ist die rätoromanische Sprache und wird in den Tälern gesprochen. In den grösseren Städten wie Bozen oder Meran wird mehrheitlich deutsch und italienisch gesprochen. Allgegenwärtig ist trotz italienischem Flair und Lebenskultur die deutsche Sprache. Die Mehrsprachigkeit zieht sich durch das ganze Schul- und Ausbildungssystemen durch. Die Fachhochschulen und sind zweisprachig (I und D), die Lektionen werden in beiden Sprachen abgehalten und die Sprachkenntnisse spielen eine wichtige Rolle im Ausbildungssystem.

Informations- und Dokumentationsarbeit im dreisprachigen Kontext. Frau Dr. Rolanda Tschugguel, Amtsdirektorin, Amt für Ausbildung- und Berufsberatung informierte die interessierten ZuhörerInnen über die grosse Arbeit der Dokumentalistinnen und der Berufsberatenden in der Zusammenstellung der Dokumentationen für drei Sprachen. Die Schweizer Fachpersonen im Dokumentationsbereich staunten über die qualitativ ausgezeichneten Unterlagen in den Infotheken. In den Mappen befinden sich auch mehrere Berufsbilder vom Schweizerischen Dienstleistungszentrum Berufsbildung/ Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung,

Deutsche und italienische Schulen
In der Primar- und Mittelstufe gibt es deutsche und italienische Schulen und in den ladinischen Tälern wird an den Schulen in ladinischer, deutscher und italienischer Sprache unterrichtet. Die Eltern können wählen, ob sie die Kinder in die deutsche oder italienische Schule schicken, wobei die Schüler mit Migrationshintergrund eher die italienische Schule wählen, was entsprechende Probleme mit sich bringt. Die Inspektorinnen für Integration der Schulämter erzählten lebendig über die Problematik und sprachen klar ihre Erwartungen und auch Anforderungen an die Berufsberatung aus. Die oberen Schulen müssen alle Schüler aufnehmen, egal, wie gut sie in der Schule sind und bei Schülern mit Integrationsthematiken wie ADS oder Legasthenie gibt es entsprechende Abklärungen und Fragestellungen.

Eine Gruppe hat die dreisprachige (D, I und Englisch) Freie Universität Bozen besucht. Das Südtirol gewährleistet grosszügige Stipendien, wenn man ein Jahr im Südtirol gelebt hat, und auch die Studiengebühren sind nicht sehr hoch. Die grössere Hürde ist die Voraussetzung der Sprachkenntnisse. Feststellungen waren auch die unterschiedlichen Titel und Bezeichnungen in Italien und Österreich. So dürfen sich beispielsweise die Absolventen der Landesfachhochschule Gesundheitsberufe Claudiana in Italien mit dem Bachelorabschluss «dottore» nennen. Für die Master und Doktorate gibt es zusätzliche Bezeichnungen zum Titel dottore. In Österreich nennen sich einige Absolventen einer technischen Lehre bereits Ingenieur.

Ansonsten war auffallend, dass das Schweizer System der Berufs- und Studienberatung und der Berufsinformationen in vielem Vorbild für die Berater/innen in Italien, Österreich, Deutschland und Liechtenstein ist. Sie orientieren und informieren sich über die Schweizer Angebote – und verbessern diese je nachdem, wie der Direktor schmunzelnd bemerkte. Die Ausbildungssysteme sind sich also ähnlich.

Italien kennt das duale Berufssystem und die Berufsmatura nicht , während Südtirol auch die Berufsmatura einführen möchte. Der Stellenwert der Lehre zeigt ein deutliches Gefälle in den Ländern. In Österreich ist die Lehre im Westen, in der Nähe zu Deutschland und zur Schweiz, viel wichtiger und bedeutender als im Osten, wo der Anteil der Maturanden viel höher ist. In Italien verläuft dieses Gefälle von Nord nach Süd. Im Südtirol besitzt die Lehre einen hohen Stellenwert und korreliert mit den Arbeitslosenzahlen, die im Südtirol tiefer sind als im übrigen Italien.

Aus Deutschland orientierte die Leiterin der Abteilung Ordnung der Berufsbildung am Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn, Irmgard Frank, über die Struktur der Lehre und den Verlauf der Anerkennung der Lehrgänge in Deutschland. Die Lehre und die Lehrangebote sind in Deutschland ähnlich bedeutend wie in der Schweiz, auch wenn der Anteil der Abiturienten in Deutschland höher ist. Es gibt ähnliche Berufsausbildungen wie in der Schweiz, die Wahl der begehrten Lehrausbildungen ist fast gleich wie in der Schweiz.

Durch den Status der Autonomie ist das Südtirol unabhängiger von der staatlichen Zentralorganisation in Rom. So fliesst das Geld direkt wieder zurück ins Südtirol und die Regierung kann freier und schneller entscheiden, wie das Geld eingesetzt wird. Investiert wird eindeutig in die Bildung. Wir sahen sehr viele schöne, neue, modern eingerichtete Schulen und Ausbildungsstätten, die nicht nur architektonisch schön gestaltet waren, sondern auch von der Inneneinrichtung alles boten und bei denen bei der Ausstattung nicht gespart wurde, auch nicht mit schönen Materialien wie Granit und Holz.

Massgeschneiderte Ausbildungen für wichtige Wirtschaftszweige
In der Landesberufsschule für Handwerk und Industrie in Bozen begeisterte uns nicht nur die Architektur des Schulgebäudes sondern auch die Qualität der verschiedenen Werkstätten. die auf dem allerhöchsten technischen Niveau sind. Der Landesberufsschule gelingt eine gute Abstimmung im Unterricht zwischen guten und schwächeren Schülern. Das Konzept der Integration der Ausländer und der verhaltensauffälligen Jugendlichen ist bestechend. Wir bekamen einen Einblick in die Arbeit eines pädagogisch geschulten Schreinermeisters der mit drei schwierigen Jugendlichen mit dem Ziel arbeitet sie wieder in die Normalklassen eingliedern zu können. Im Südtirol gilt  die Schul- und Ausbildungspflicht bis zum 18. Altersjahr.

In der Landwirtschaft herrscht die Monokultur des Apfelanbaus vor. Beim Besuch der Versuchsanstalt in Laimburg wurden die Forschungsergebnisse der Kreuzung der Apfelsorten gezeigt, aber auch die Verbesserung der Produktionsmethoden mit Bewässerungssystemen, Hagelschutznetzen, Schädlingsbekämpfungsmethoden, Erhöhung der Ernte und Wetterbeobachtungen. Ausser der allgegenwärtigen Apfelplantagen spielen der Rebanbau und andere Gemüsekulturen eine Rolle. Speziell ist im Südtirol das alpine und hochalpine Klima und die daraus resultierende Bodenbeschaffenheit mit dem mediterranen Klima, eine Besonderheit des Südtirols. Mals beispielsweise liegt über 1000 m.ü.M., Bozen hingegen rund 250 m.ü.M. Angebaut wird bis auf 1800 m. Und geforscht wird z.B. an einer speziellen Erdbeerensorte, die in höher gelegenen Regionen angebaut werden kann.

Die Oberschule für Landwirtschaft in Auer vermittelt ein Verständnis für die bäuerliche Lebens- und Arbeitswelt, sowie für geschichtliche und kulturelle Aspekte der Landwirtschaft. Der praktische Unterricht bietet Einsicht in Betriebsabläufe und Anbauzyklen und eröffnet Einblicke in ökologische und ökonomische Zusammenhänge in der Landwirtschaft. Ein wichtiger Arbeitszweig ist der Rebbau und die Kelterung. Mit einer Auszeichnung in Gold wurde der Bio-Lagrein „Happacherhof“ von der Landwirtschaftlichen Oberschule Auer ausgezeichnet. Der Biowein überzeugte uns bei der Degustation, die wir geniessen konnten.

Dr. Helmuth Sinn, Direktor der Abteilung Arbeit informierte uns über die Eures-Beratung und Transtirolia. Eures Transtirolia bietet aktuelle Informationen über den grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt im Tirol, Südtirol und Graubünden. Die Eures-Berater bieten gezielte Vermittlung und fachkundige Unterstützung bei der Stellensuche und informieren über die Arbeits- und Lebensbedingungen im Nachbarland. Dr. Michael Mayr, Amtsdirektor Arbeitsservice, erläuterte die fachkundige Vermittlung der Arbeitssuchenden. Die Arbeitslosenquote im Südtirol beträgt 2,9 % in der Schweiz 3,6% (Stand Februar 2011).

Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt im Südtirol 7,9%, in Italien 29,4% (kein duales Berufsbildungssystem in den andern Provinzen) und in der EU-Zone 20%. Bessere Zahlen finden wir nur in den Niederlanden mit 7% und in der Schweiz mit 3,8%.

Das duale Berufsbildungssystem bewährt sich nach wie vor und die internationale Wertschätzung sollte noch wesentlich gesteigert werden. Die anschliessende  Diskussion mit dem Vergleich der Schweizerischen Arbeitsvermittlung (RAV) war sehr spannend.

Ein weiterer wichtiger Wirtschaftszweig ist der Tourismus und die Hotellerie. Am letzten Tag besichtigten wir die Landeshotelfachschule Kaiserhof in Meran. Der Kaiserhof ist ein altes und grosses Jugendstilhotel mit einem parkähnlichen Garten, im Hotel logierte auch schon Kaiserin Sissy.

Die Schule bietet Aus- und Weiterbildungen in der Hotellerie und Gastronomie an, besitzt eine eigene Küche, einen Restaurant- sowie ein Internatsbetrieb für 65 Lernende. Die anderen Auszubildenden sind extern untergebracht. Bei unserem Besuch fanden gerade die Abschlussprüfungen statt, dennoch konnten wir die Schule und den Hotelbetrieb besichtigen

Conrad Cadonau, , Leiter Berufsbildung  der Gastgewerblichen Fachschule Graubünden präsentierte die Bündner Fachschule. Die meisten  Absoventen arbeiten nach der Fachschule an der Rezeption von renommierten Hotels.

Bei einem 4-Gang-Menu zeigten die Lernenden ihre Künste. Es war ein gelungener und genussvoller Abschluss nach vier hochinteressanten, aber auch anstrengenden Tagen. Das Ambiente und der absolute professionelle Ablauf des Essens liessen Zeit für gute Gespräche und ein gemütliches Zusammensitzen.

Wir danken:
Dr. Günther Andergassen, Abteilungsdirektor des Amtes für Berufsbildung für seine inhaltvollen Grussworte und die Grüsse von der Landesrätin, Dr. Sabine Kaslatter. 

Dr. Sabine Kaslatter, Landesrätin, für den grossen Bildband der die Schönheiten des Südtirols festhält.

Unser grosser Dank gilt Frau Dr. Rolanda Tschugguel, Amtsdirektorin, Amt für Ausbildungs- und Berufsberatung und ihrem Team. Dank Ihr konnten wir qualititativ ausgezeichnete Berufsschulen und Institutionen besuchen. Es gelang Ihr auch hochkarätige Referentinnen und Referenten zu engagieren. Ohne Frau Dr. Rolanda Tschugguel hätte die Studienreise nicht stattfinden können. Die Echos der Teilnehmenden der Studienreise waren von positiv überrascht, eine Horizonterweiterung bis begeistert. Speziell war auch, dass wir keine negativen Reaktionen erhalten haben. Wir danken allen Referentinnen und Referenten für ihre fachkundigen Informationen und die interessanten Diskussionen. Frau Irmgard Frank, Leiterin der Abteilung Ordnung der Berufsbildung, Bundesinstitut für Berufsbildung, sie war von Bonn angereist um uns über die Berufsbildung in Deutschland und neue Projekte im Bereich Berufsbildung zu informieren. Ich danke auch dem Bundesamt für Berufsbildung und Technologie, Direktorin Frau Prof. Dr. Ursula Renold, für die Dokumentationen zum Schweizerischen Berufsbildungssystem.

Unser Dank gilt auch Herrn Almberger, Direktor des Kolpinghäuser Bozen mit seinem dienstbereiten Team, für die Gastfreundschaft und die optimalen Seminarräume.

Das volle Programm liess wenig Zeit für die Sehenswürdigkeiten und die Besonderheiten des Südtirols und es werden wohl einige der Teilnehmenden nochmals ins Südtirol fahren, um das Land und die Leute besser kennen zu lernen. Das Südtirol ist einfach schön und jederzeit eine Reise wert.

Die Referate finden Sie unter: www.panorama.ch/pdf/2011/9754dt.pdf

Bericht von Frau Beatrice Zeller, und Karl Giezendanner
Weitere Informationen erhalten Sie vom Organisator und Reiseleiter
Karl Giezendanner, Beratungspraxis, Bordeaux-str. 5, CH 4053 Basel
info@giezendannerberatung.ch  www.giezendannerberatung.ch

Tel. 0041 (0) 61 560 02 83

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  5. Die Reisegruppe [PNG 21 KB]